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Editorial September 2019

Sonntag, Sep 1, 2019

der lange, trockene Sommer letztes Jahr und der extrem heiße Juli dieses Jahr veranlasst die Medien, sich mit dem Thema Wasser auch hierzulande auseinanderzusetzen. Etwas was in diesen Breitengraden wie eine Selbstverständlichkeit behandelt wird, wird anderswo wertvoller geschätzt, als z. B. Gold oder Öl. Weltweit haben etwa 4 Mrd. Menschen, also fast zwei Drittel der Weltbevölkerung (!!) mindestens einen Monat im Jahr nicht ausreichend Wasser zur Verfügung, sodass sie unter schwerer Wasserknappheit leiden. 1 bis 2 Mrd. (differiert stark) Menschen leiden 4 bis 6 Monate im Jahr unter schwerer Wasserknappheit, ca. 0,5 Mrd. Menschen ganzjährig. Wieso ist das so? Wasser bedeckt immerhin zu 71 Prozent unseren Planeten, wieso sprechen wir dann von schwerer Wasserknappheit? Weil 97 Prozent davon eben Salzwasser ist. Nur ein Prozent der Wasservorräte weltweit ist direkt als Trink-wasser verfügbar und zudem extrem ungleich verteilt. Während die einen vor den Fluten fliehen, ringen die anderen um wenige Tropfen des kostbaren Nass. Bereits durch fünf Minuten Duschen verbrauchen wir hier mehr Wasser, als vielen Menschen anderswo an einem ganzen Tag zur Verfügung steht. Von den etwa 1,6 Milliarden Kubikkilometer Wasser, die sich auf unserem Planeten befinden, sind 35 Millionen Kubikkilometer Süßwasser (2,5 %). Nur etwa 213 Tausend Kubikkilometer davon sind relativ leicht für den Menschen zugänglich, vor allem in Seen, Flüssen und in den rund 45.000 weltweiten Großtalsperren. Der Rest liegt in Form von Gletschern, Schnee, Eis, Grundwasser, Grundeis, Dauerfrost, Bodenfeuchtigkeit und Sumpfwasser vor, ist also nicht leicht zugänglich. Zur Berechnung der Wasserverfügbarkeit legt die UNESCO die gesamte Süßwassermenge zugrunde, unabhängig von deren Zugänglichkeit. Die Wasserverfügbarkeit ist von weiteren Faktoren abhängig, wie Regen und anderen Niederschlägen, die zeitlich und regional ungleichmäßig fallen. Und der Wasserqualität, die durch negative Umwelteinflüsse zunehmend
stark beeinträchtigt wird.

Wassermangel ist schon heute für einen von sechs Menschen bittere Realität. Die Lage ist insbesondere in Krisenländern verschärft, wo Kinder viermal so häufig mit unzureichender Wasserversorgung konfrontiert sind, wie Gleichaltrige in anderen Ländern. Wassermangel betrifft vor allem die Ärmsten – noch. Denn die Wasservorräte sind auch dort bedroht, wo die kostbare Ressource zurzeit scheinbar noch im Überfluss zur
Verfügung steht. Ohne das Lebensmittel Nummer Eins existiert keine Landwirtschaft, keine Industrie, kein Leben. Vier Tage kann ein Mensch ohne Wasser überleben. Während Wasser in den Industrieländern meist ganz selbstverständlich jederzeit in beliebiger Menge und guter Qualität aus dem Hahn kommt, haben laut UN-Weltwasserbericht 2019 rund 2,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser. 4,3 Milliarden Menschen haben nicht jederzeit eine Möglichkeit, sanitäre Einrichtungen wie Toiletten zu benutzen. Das sind Bedingungen, die unser Vorstellungsvermögen sprengen. Und während der Wasserverbrauch pro Kopf weiter steigt, leidet die Menschheit insgesamt unter zunehmender Wasserknappheit bei gleichzeitig weiterem Zuwachs der Weltbevölkerung. Der Sommer geht offiziell diesen Monat zu Ende, das Thema Wasserknappheit wird also erstmal wieder aus den Medien hierzulande verschwinden – zumindest bis zur nächsten Trockenperiode. Aber wir wären nicht schlecht beraten, der Politik den Auftrag zu erteilen, sich diesem Thema ernsthaft zu widmen, um Perspektiven zu haben. Wir müssen ja nicht gleich Entsalzungsanlagen an Nord- oder Ostsee bauen – noch nicht.